Das Leid mit der Glocke

Trams, Busse, Lastwagen, Privatautos, Blaulichtsirenen, Züge, anfliegende Jets, Baustellen, Openairs, politische Kundgebungen, sportliche Veranstaltungen, die private Dauerbeschallung mit elektronischen Medien und vieles mehr: In unserer allzu lebhaften 24-Stunden-Gesellschaft herrscht an Lärm wahrlich kein Mangel. Und in diesem phonstarken Geräuschcocktail, dieser lauten Betriebsamkeit, an die man sich längst gewöhnt hat, soll ausgerechnet der Stundenschlag der Kirchenglocken gross auffallen?

 

Offenbar schon. Seit einigen Jahren treten immer mal wieder kämpferische Einzelpersonen oder ganze Gruppen auf den Plan, die die Glocken ihrer Orts- oder Quartierkirche nachts zum Verstummen bringen wollen, mit der Begründung, dass der Lärm störe und geräuschempfindliche Menschen am Schlafen hindere. Gerade jetzt wieder in Bern, wo ein entsprechender politischer Vorstoss vor den Stadtrat gelangt ist.

 

Nun, ich selber liebe den Stundenschlag meiner Kirche. Er führt diskret durch den Tag und die Nacht, gliedert angenehm die Zeit und versichert mich meines Daseins, Tuns und Strebens mit regelmässigen Grüssen vom vertrauten Turm. Dass ich mich wegen Kirchenglocken – ich wohne übrigens unmittelbar neben einem Gotteshaus – akustisch jemals gestört und in meiner Lebensqualität eingeschränkt gefühlt hätte, kann ich somit nicht behaupten, im Gegenteil.

 

Wie auch immer, andere mögen anders empfinden (und sich von einer ETH-Studie bestärkt wissen, die dem Glockenschlag durchaus Störpotenzial beimisst). Was mich aber immer wieder ärgert, ist die Intransparenz jener, die den Glocken so vehement den Kampf ansagen. Viele von ihnen haben nämlich, das unterstelle ich jetzt mal kühn, eine versteckte Agenda.

 

Ihnen geht es nicht eigentlich um den angeblichen «Lärm», sondern darum, ein akustisches Signal der christlich-bürgerlichen Tradition aus der Öffentlichkeit zu tilgen, ganz nach dem Motto: «Weg mit diesem irrationalen und penetranten Christenzeugs, das hat in heutigen aufgeklärten Zeiten nichts mehr zu suchen.» Es wäre ehrlicher, die Ritter der Anti-Glocken-Runde würden es laut aussprechen, dann wüsste man wenigstens, wo ihr Problem wirklich liegt.

 

Oder irre ich mich? Jedenfalls lohnt es sich, über die folgende Frage nachzudenken: Warum störten die Glocken während Jahrhunderten kaum jemanden, und warum soll ausgerechnet jetzt, wo der «aufgeklärte» Atheismus in manchen Kreisen zum guten Ton gehört, ihr Klang auf einmal am Schlaf hindern und krank machen? Und später, in einer zweiten Phase, vielleicht auch noch tagsüber ungute Wirkung entfalten? Die Antwort scheint mir auf der Hand zu liegen.

 

PS: Ich habe nichts gegen ein Abstellen der Glocken in der Nacht, wenn es geplagten Menschen wirklich Linderung verschafft. Gegen das Fechten mit vorgeschobenen Argumenten hingegen schon.